Konzertkritiken
Göttingen
Februar 2010
Verträumte
Nachtstücke und Mazurken
Vor
200 Jahren, am 1. März 1810 oder vielleicht auch einen oder zwei
Tage früher, wurde Frédéric Chopin geboren. Seine Musik ist der
Inbegriff romantischer Klavierkunst. Gedenkkonzerte sind in diesen
Tagen keine Mangelware – doch der Pianist Gerrit Zitterbart hatte
sich für sein Konzert am Donnerstag im Göttinger Goethe-Institut
einen etwas anderen Schwerpunkt gewählt.
„Der
Weg zu Chopin“ hieß der Abend, bei dem angesichts des großen
Publikumszuspruchs die Stühle im Saal kaum ausreichten. Auf dem
Programm standen neben Werken Chopins Klavierstücke seines Lehrers
Józef Elsner, des Iren John Field, der die Gattung des Nocturnes
erfunden hat, sowie Musik der Chopin-Altersgenossen Mendelssohn und
Schumann.
Ausgesprochen
spannend erwies sich die musikalische Sprache, die Elsner in seiner
D-Dur-Sonate aus dem Jahr 1798 anschlägt. In der Tat finden sich ein
paar Berührungspunkte mit der Musik seines späteren Schülers,
kleine poetische Aufweichungen der klassischen Strenge, auch
folkloristische Töne, wie sie etwa in Chopins Mazurken zu vernehmen
sind.
Fields
Nocturnes klingen unter Zitterbarts empfindsamem Zugriff sehr zart
und nächtlich verträumt – den Zauber und die Tiefe der
Chopinschen Nocturnes lassen sie allerdings weitgehend vermissen, was
jedoch keine Schuld des Pianisten Zitterbart ist.
In
seiner kenntnisreichen Moderation hatte Zitterbart zu Recht auf die
sehr individuelle Musiksprache der Chopin-Altersgenossen hingewiesen.
Das setzte er in Mendelssohns Fantasie über „The Last Rose of
Summer“ und in Schumanns „Abegg“-Variationen pianistisch
überzeugend um.
Chopin
selbst ließ Zitterbart in drei Werken zu Wort kommen: der
bezaubernden Polonaise des Siebenjährigen, dem klangzaubernden
cis-Moll- Nocturne des 19 Jährigen und schließlich der großen
h-Moll-Sonate aus dem Jahr 1844. Die virtuose Kunst des Pianisten
sorgte für uneingeschränkten Hörgenuss. Und als Zugabe für den
begeisterten Beifall gab es noch ein Nocturne extra.
Göttinger
Tageblatt, Michael Schäfer
Heiningen, August 2009
Zum 200. Todesjahr Josef Haydns hatte die Kulturinitiative Tonart den Göttinger Hammerflügelspezialisten Gerrit Zitterbart in Kooperation mit dem Internationalen Musikfest Goslar-Harz ins Klostergut Heiningen eingeladen.
Alles passte bei Gerrit Zitterbarts Auftritt vor einem vollen Haus trotz zahlreicher Konkurrenzveranstaltungen: Der Biedermeiersaal lieferte die perfekte Akustik für die warm einschmeichelnden bis brillant feurigen Klänge seines bestens intonierenden Hammerflügels – eines schon allein optischen Schmuckstückes, das aber auch klanglich keine Wünsche offen ließ.
Darüber hinaus präsentierte sich der Göttinger Pianist mit einem eindrucksvollen Gesamtkonzept, demonstrierte gleich eingangs das Innenleben seines Instruments, indem er vor den Augen seines Publikums die filigranen Tasten der Wiener Mechanik ausbaute, erläuterte Besonderheiten und Geschichte des Instruments und führte dann auf unterhaltsame und lehrreiche Art durch die Programmfolge.
So suggerierte er den alternden Haydn, der sich Abend für Abend seine Lieblingskomposition, die Variationen über "Gott erhalte", Vorform unserer Nationalhymne, vorspielte und ließ sein Publikum daran teilhaben. Solche Spätwerke kontrastierte Zitterbart immer wieder mit frühen Kompositionen wie der markanten Sonate in e-Moll von 1786, die er dann nach einem Hinweis auf ihre dramaturgischen Momente gekonnt vor seinen Hörern ausbreitete.
Im Aufführungsstil der damaligen Zeit ergriff er Gelegenheiten zu schwungvoll improvisierten Auszierungen, wie sie Haydn seinen virtuosen Interpreten gestattet. Im geschickten Umgang mit Tempi, Pausen und dem per Kniehebel bedienten Moderatorfilz ließ er die kompositorischen Strukturen lebendig hervortreten und erwies sich dabei als Meister überzeugender Gestaltung.
Auch die häufig gespielten Variation in f-Moll erklangen in neuem Licht: leichte Arpeggien, glasklare Figurationen, markante, geradezu symphonische Bässe und eindringliche Gesanglichkeit führten zum spannenden Gesamteindruck.
Das letzte Werk vor der Zugabe charakterisierte Zitterbart mit einem Zitat Mozarts an seinen Vater, hier übertragen auf Haydns Sonate c-Moll. Dies ist ein frühes Cembalowerk von 1771, das erst 1780 im Erstdruck die dynamischen Bezeichnungen für den Hammerflügel erhielt: die Musik solle nicht zu schwer, aber auch nicht zu leicht ausfallen. Damit beschloss der Pianist sein Konzert spielfreudig und mitreißend.
Braunschweiger Zeitung
Bielefeld,
Januar 2009
Beglückend,
dass es so etwas Kostbar Intimes im heutigen Musikbetrieb noch
gibt. Ein kleiner Kreis von im Museum Huelsmann versammelten Kennern
wusste um die Gunst der (Konzert-) Stunde, den namhaften
Tastenmusiker Gerrit Zitterbart am hauseigenen raren Prunkstück, dem
historischen Nannette Streicher-Flügel, erleben zu können.
Schon
zweimal drei Gesprächskonzerte (mit Schubert und Mozart) hat der
Gründer-Pianist des Abegg Trios und Hannoveraner Klavierprofessor in
den letzten Jahren hier gegeben. Wieder hatte es ihm die einmalige
Gelegenheit angetan, auf diesem 1829 in Wien gebauten
„oberschlägigen“ Instrument mit seiner ganz besonderen,
glockig farbigen Klangfülle Schubert zu spielen.
Dessen
Kunst, aus motivischen Mikroorganismen in oft tänzerisch
unterfütterter, Raum greifender Sanglichkeit eine ganze Welt
ambivalenter Stimmungen und zerrissener Seelenzustände zu bauen,
wurde in der Programmfolge steigernd beleuchtet. Zwei frühe Scherzi
und eine Handvoll Tänze (Deutsche, Schottische, Walzer, Galopp)
standen wie Petrischalen Schubertscher Inspiration am Konzertbeginn.
Minutenstücke zum Hausgebrauch, die sich unter den Händen des
Interpreten zu vitalen, klangfarbigen Kleinoden verwandelten und
auswuchsen.
In
den sechs „Moments musicaux“ erscheint diese rhythmische
Erfindungs- und Impulskraft zu einem halbstündigen Zyklus
auskristallisiert und stimmungstief verdichtet. Faszinierend, wie
Gerrit Zitterbart die eher tempoverhaltenen Charaktere zwischen
karger cis Moll Einkehr und heftiger f Moll Akkordlust
ausreizt und in einen nicht auslassenden musikalischen Spannungsbogen
einordnet.
Die
40 minütige B Dur Sonate, letzte im gleichzeitig
entstandenen Dreierpack aus Schuberts Todesjahr 1828, erklang als
kompositorisch geschlossenste, vollkommenste im so ganz eigenen Ton
des melancholischen Genies. Lässt sich die grenzenlose, „molto
moderato“ auf der Stelle tretende feierlichwehe Sanglichkeit und
ihre Gefährdung durch Klangabgründe, Pausen Abrisse, Umbrüche,
harmonische Entrückungen intensiver nacherleben als hier?
Meisterlich
durchdringt Zitterbart die Gesangsstimmung und Verstörungen des
Viersätzers und setzt sie mit Hilfe des Nannette Streicher Flügels
ereignishaft in Klang. Die nuancen- und klangreiche Präsenz in den
vier mittleren Oktaven kann süchtig machen, und ähnliche Grenzgänge
in der tiefsten Basslage (schier seismische Triller, pochende
Repetitionen, „herausgeschleuderte“ Einzeltöne) schafft so kein
moderner Konzertflügel. In klangdramatischer Hinsicht ist man danach
für andere Wiedergaben verdorben; glücklicherweise gibt's die
Dreier Konstellation auf CD.
Eine
innig erfüllte Andante-Zugabe geleitete die Hörer auf den
winterlichen Heimweg.
Neue
Westfälische, Michael Beughold
Göttingen
Januar 2009
Kompositionen
von Franz Schubert hatte der Pianist Gerrit Zitterbart für sein
Neujahrskonzert im Göttinger Goethe-Institut vorbereitet. Das Haus
in der Merkelstraße war bei diesem Ereignis außerordentlich gut
besucht. Recht passend zum Neujahrstag, an dem man einzelne
Ereignisse und Aufgaben der kommenden Zeit schon sieht, noch nicht
aber, wie sich diese zu einem Ganzen fügen, präsentierte Gerrit
Zitterbart am ersten Tag des neuen Jahres Franz Schubert. Der von ihm
gewählte Ausschnitt zeigte den Komponisten auf dem Weg von
musikalischen Details, die kleinere musikalische Gattungen bestimmen,
zur Großform der Sonate, die jene Einzelheiten freilich nicht
verwirft, sondern aufhebt. In zwei frühen Scherzi klang bereits
schubertsche Schwermut paradox im Spiel auch der hellen Klangfarben
an, von Zitterbart mit einfachen Mitteln wie einem eben noch zu
spürenden Rubato unterstrichen. Durch sieben Tänzen verwandelten
Schubert und Zitterbart das Publikum in eine heitere
Abendgesellschaft, wobei der innige Walzer D 844 schon fast als
langsamer Mittelsatz einer Sonate durchgehen könnte, ein Eindruck,
den Zitterbart mit dem ausgelassen gespielten „Grazer Galopp“
rasch wieder verwischte. Denn diese Etappe sollten die dann folgenden
„Moments Musicaux“ zeigen, auf deren „Mantra“ Zitterbart
hinwies: eine Stimmung, in die sich Musiker und Hörer versenken.
Litt das fragende C-Dur-Moderato noch ein wenig am gleichbleibenden
mezzo forte, gewann das Allegro moderato der „Air Russe“ mit
einer Andeutung von vorwärtsdrängendem Ungestüm an Esprit.
Berührend das Schlussstück, von Zitterbart mit maßvollem
Pedaleinsatz in der Balance von Hymnus und Hoffnungslosigkeit
gehalten. In der letzten, in Schuberts Todesjahr 1828 komponierten
Sonate B-Dur D 960 kulminierten kompositorisches Geschick und reife
Darbietung. Im Kopfsatz zeigte sich Zitterbarts Achtsamkeit für
musikalische Einzelheiten – was auch Schuberts bisweilen
rätselhafte Pausen betrifft –, der langsame Satz schwebte durch
unendlich zartes Spiel, gleichsam eine gefällige Atempause
verschaffte das Scherzo, bevor der Schlusssatz mit Beethovenscher
Wucht daherkam. Dieses Finale gestaltete Zitterbart so packend, als
wolle er vollends widerlegen, Schubert habe hier Todesahnung hören
lassen wollen: Was so geistreich und kraftvoll ist, kann nur dem
Leben zugewandt sein. Die Gäste im zum Bersten vollen
Goethe-Institut saßen im Parterre am Kamin, oben im Treppenhaus, man
saß und stand auf der Treppe; gemeinsam indes war am Ende allen die
Erfahrung: ein so mit Schubert begonnenes Jahr hat glücklich
angefangen. Dem begeisterten Applaus konnte nur mit zwei Zugaben
abgeholfen werden.
Göttinger
Tageblatt, Karl-Friedrich Ulrichs
Göttingen,
Dezember 2007: Von
Zärtlichkeit und Leidenschaft
Historisch und modern:
Gerrit Zitterbart spielt Beethovens „Appassionata“
Unterhaltsame
Information und musikalischen Genuss verbinden Gerrit Zitterbarts
Klavierabende im Göttinger Goethe-Institut. Kein Stuhl blieb
frei, als er dort am Donnerstag Beethovens „Appassionata“ auf
modernem Konzert- und historischem Hammerflügel präsentierte.
Neben dem historischen
Hammerflügel aus braunem Kirschholz – Nachbau eines
Instruments aus der Zeit um 1800 – nimmt sich der moderne schwarze
Konzertflügel wie ein Sargmonster aus. Der geöffnete Deckel
wirkt wie ein aufgerissenes riesiges Maul, als wolle das Instrument
die Zuhörer im nächsten Moment verschlingen.
Doch der Eindruck
täuscht. Wenn Pianist Gerrit Zitterbart Beethovens
zärtlich-verspielte Variationen über Paisiellos Arie „Nel
cor più non mi sento“ auf diesem Ungetüm vorstellt,
wird der Flügel friedlich und freundlich, gibt sanfte, singende
Töne von sich.
Das ist freilich nur im
Ansatz so darstellbar: Beim Wechsel auf den Hammerflügel wird
der Klang mit einem Mal ganz durchsichtig, Melodien in tiefen Lagen
brummeln nicht in mulmigem Klang, sondern können sich frei gegen
den Rest der Töne entfalten.
Aufregende Kammermusik
Nach dieser leichten
Vorspeise präsentiert Zitterbart die leidenschaftliche Sonate
f-Moll op. 57, die „Appassionata“. Und siehe da, auch hier sind
Kraft und Zartheit auf ganz neue Weise gepaart, aus dem gleichsam
orchestralen Klang des heutigen Flügels wird eine aufregende
Kammermusik, der man es anmerkt, dass sie an ihre ästhetischen
Grenzen vorstoßen will. Ein fesselnder Abend, von Zitterbarts
klug-gewitzten analytischen Anmerkungen begleitet. Zum Schluss
besänftigte der Solist sein begeistertes Publikum mit dem
langsamen Satz aus der „Pathétique“ – ein süßes
musikalisches Betthupferl.
Göttinger
Tageblatt, Michael Schäfer
Bayreuth, Juli 2007:
Schuberts Gedanken, erfasst mit Händen
Gerrit Zitterbart
begeisterte mit einem der bewegendsten Werke der Klavierliteratur bei
Steingräbers Festival
Bei einem
niederländischen Musikantiquar kam man ihn für schlappe 135
Euro erwerben: den Notendruck „Sonaten für das Pianoforte
allein. Allerletzte Compositionen. 3. Sonate (in B)“. Dies ist
nicht die Erstausgabe, sondern immerhin ein bereits in den fünfziger
Jahren des 19. Jahrhunderts erfolgtes Reprint, beim Wiener
Musikverleger Spina gedruckt mit den Platten jener Erstausgabe, die
etwa zehn Jahre nach dem Tod des Komponisten bei Diabelli erschienen
war.
135 Euro für eine
wahrlich weit verbreitete Sonate, das klingt teuer – aber in
Wirklichkeit ist die dritte Sonate der „allerletzten Compositionen“
unbezahlbar. Die B-Dur-Sonate D 960 ist ein singuläres, stets
von neuem ergreifendes, bewegendes, erschütterndes Werk der
Klavierliteratur geblieben. Dies versteht sich nicht von selbst, denn
über die Musik entscheidet die Interpretation, nicht der wie und
wo auch immer gedruckte Notentext.
Es ist ein Glück,
dass Gerrit Zitterbart in einem Gesprächskonzert – dem ersten
der Schubert-Trilogie, die bei Steingraebers fünftem Bayreuther
Klavierfestival im neuen Kammermusiksaal stattfindet – die drei
späten, zyklisch konzipierten Sonaten in drei Gesprächskonzerten
verbal und pianistisch deutet. Nebenbei stiftet er die Verbindung zum
Festivalkonzert des vergangenen Wochenendes, in dem sich C.W. Müller
in einem gleichermaßen bannenden Programm den Zyklus der
letzten vier Opusnummern vornahm, den Brahms für das Klavier
geschrieben hat.
Eigentümliche
Ähnlichkeiten fallen auf, weil Zitterbart sehr schön
erläutert, dass, wie Adorno über Schuberts späte
Stücke gesagt hat, „das Ganze aus dem Zusammenhang
miniaturhafter Elemente aufsteigt“.
Dass alles Geniale
einfach sei, wissen wir von Richard Strauss; der Hannoveraner
Professor demonstriert es, indem er auf den das B umkreisenden
Terz-Quart-Raum verweist, mit dem das Thema des Kopfsatzes der Sonate
beginnt. Er verweist auf die Zeit, die in dieser fast obsessiven
Raum-Beschreibung als Element zum Klingen gebracht wird. Er weist auf
die Pausen, Lücken und fragenden Gesten hin, die immer wieder
das scheinbar locker vagierende Gebilde mit Irritationsmomenten,
Spannungsstauungen und schließlich mit tonartenmäßig
wie innerlich erfahrbaren, erhebenden Glücksaussichten
strukturieren. Zitterbart zeigt uns, dass alle – kaum Thema, eher
Gedanken zu nennenden – Themen der Sonate nur die Variation des
Beginns sind, und dass die verschiedenen Harmonien zugleich neue
Farbtöpfe öffnen.
Der Dozent markiert den
Schreitrhythmus des Trauermarschs, der unterirdisch zu oft erklingt,
als dass es ein Zufall wäre, er spielt das Klopf-Zitat aus
Beethovens Fünfter, das wir, derart geschult, später
selbstständig im zweiten Satz wiedererkennen, und entdeckt für
uns die verschobenen Rhythmen, die zwischen Dur- und Moll beständig
changierenden Verläufe. Er spielt uns, Schuberts
Orchestrierungskunst andeutend, die Geige, das Cello, die Bratsche
vor, er macht uns darauf aufmerksam, dass eine bestimmte, bewegende
Stelle des langsamen Satzes klingt, als sänge da ein
Männergesangverein der Schubert-Zeit (natürlich nichts
anderes als das einfache, doch unvergleichlich verwandelte
Primitiv-Gebilde im Vier-Ton-Raum), und er zeigt, dass die schönste
Musik auf einer simplen Tonleiter basieren kann.
Die Erläuterungen
des Professors aber taugten nichts, bewiese er nicht spielend die
Relevanz seiner Analyse. Was im zweiten Teil passiert, ist, im Sinn
des Wortes, phänomenal, weil die Theorie bruchlos umgesetzt
wird. „Sparsame Gestik, viel Ausdruck“ – so charakterisiert der
Dozent Schuberts Musik, und so wird sie vom Musiker realisiert.
Zitterbart zaubert aus dem großdimensionierten
Steingraeber-Flügel eine kammermusikalische, fast
klassizistische Stimmenklarheit heraus. Die stets durchschimmernde
Konstruktion dient nur dem einen: dem freien Fluss der Musik.
Der Gefahr allzu großer
Reflexionsauslösungen begegnet er mit einer Übersicht,
einem unheimlich richtigen Tempo, einer dramatischen, dicht am
Notentext orientierten Interpretation, der die Effekthascherei völlig
fremd ist. Er stellt die Sonate mit all ihren Geheimnissen, ihren
rätselhaften Stellen und elysischen Schönheiten als ein
wundersames Gebilde vor, das einer Goldschmiedearbeit ähnelt –
und er verwandelt, um nur ein Beispiel zu nennen, die Theorie in die
Praxis, wenn er den verbal beschriebenen Terz-Quart-Raum im Spiel zu
einem Raum vergrößert, in dem es vier Dimensionen gibt,
deren letzte naturgemäß nicht mehr beschreibbar ist: wenn
er im Allegretto mit einer fast schumannschen Samttönung eine
Fernmusik herausspielt oder einen beethovenianischen Ausbruch
verwirklicht, sind wir Zeugen eines wunderbaren Raum-Spiels.
Nicht allein das
tieftraurige Andante gerät, selbst in größter Ruhe,
sehr spannend. „Schubert hat kein Thema, sondern Gedanken.“
Zitterbart hat Gedanken, die er in einer zwingenden Interpretation
„con delicatezza“ vermittelt, ohne sich in „schönen
Stellen“ zu verlieren. Selbst im Fall des „Einspielstücks“
und der Zugabe trifft er den richtigen Ton. Mit den „Sechs
Deutschen Tänzen“ D 820 und einem der „Letzten Walzer“ D
146 kredenzt er uns am Beginn wie am Schluss einige Tänze, die
mehr sind als Konstruktionen aus Rhythmus, Harmonie, Bewegung und
Melodie: Schubertsche Gedanken, erfasst unter den Händen eines
Pianisten, der weiß, dass gerade die verschattete Kunst ihr
Eigenleben erst dann gewinnt, wenn zwischen Konstruktion und Emotion
keine Seite eines Notendrucks mehr passt.
Nordbayerischer
Kurier, Frank Piontek
Bielefeld
Mai 2007: Auf Mozarts Hammerflügel
Eine
Gesprächskonzert-Trilogie mit dem renommierten Tastenmusiker
Gerrit Zitterbart bot im Museum Huelsmann einen Überblick über
das Klavierschaffen Wolfgang Amadé Mozarts. Das ist der wahre
Luxus und Hörgewinn für Kenner: Musik auf einem Instrument
exakt aus Zeit und Umfeld eines Komponisten zu erleben; zumal wenn es
dabei solche bautechnische Vielfalt und rasante Wandlungen gibt wie
auf dem weiten Gebiet der Claviere zwischen Spätbarock und
Frühromantik.
Interpretierte
der Gast hier im Vorjahr Schuberts drei letzte Sonaten auf dem
vielgelobten hauseigenen Nanette-Streicher-Flügel von 1829,
hatte er nun - sein dem Originalklangmusizieren verpflichteter Verein
„Clavier e. V.“ ist gut bestückt - einen Hammerflügel
nach Anton Walter (Wien, 1795) dabei, wie ihn Mozart ab 1782 besaß.
Die Klangunterschiede zwischen beiden sind hörbar enorm, weitere
Erläuterungen zu Bauart und Werkschaffen aufs einnehmendste
sinnfällig. Authentischer, lebendiger und meisterlicher als
durch den Hannoveraner Klavierdozenten und Gründer-Pianisten des
bedeutenden Abegg Trios lässt sich der Mozartsche Klavier- und
Ausdruckskosmos kaum darstellen.
Nehmen
wir pars pro toto den ersten, ausgewählte Sonaten mit
Klavierstücken (die Gattungen Variation und Fantasie folgten)
kombinierenden Abend. Entwaffnend im Vortrag ein Dutzend Sätzchen
des 5- bis 8-Jährigen: wunderkindliche Spielfreude im Aufbruch
vom ersten ungefügen C-Dur-Austesten (KV la) bis zum Johann
Christian Bach „abgehörten“ g-Moll-Affetto (KV 15p) im
Londoner Skizzenbuch.
Drei
Solitäre aus den späten Wiener Jahren offenbarten
kongeniale Meisterschaft. Ob er das hell-muntere D-Dur-Rondo-Thema KV
485 unermüdlich und unerschöpflich durchvariiert, im hoch
persönlichen a-Moll-Gegenstück KV 511 dem Geheimnis
mozärtlicher Ambivalenzen nachspürt oder das ergreifende
h-Moll-Adagio KV 540 mit abgründiger Trauermarsch-Haltung
erfüllt - Zitterbarts Mozartspiel verbindet ausgereizte
Kontraste und ausgefeilte Klangrede zu komplexer Welterfahrung.
Über
die Station in der von heiter-gelöst bis überbordend vital
angegangenen G-Dur-Sonate KV 283 zur großen c-Moll-Sonate KV
457: Deren aufbäumende Dramatik und Ausdruckspathos lebt und
lotet Gerrit Zitterbart, die Spannweite der Klaviatur und
Klangfarbenpalette dieses Hammerflügels mit überwältigender
Prägnanz nutzend, ereignishaft aus. Allein die drei so
extremlagigen Satzschlüsse waren atemberaubend gesetzt. Ganz
große Tastenkunst für eine kleine Hörerschar.
Neue
Westfälische, Michael Beughold
Hannover
Mai 2007: Hintersinnig - Musikalische Parodien im Kanapee
Hannover
ohne das Kanapee? Die Musikszene wäre ein Stück ärmer.
Die großen Meister der Musik immer nur bierernst? Schrecklich.
Abhilfe bot am Pfingstmontag Erwin Schütterle in seiner „Wein-
und Konzertsstube“: Gerrit Zitterbart, Pianist und Professor der
Musikhochschule, präsentierte sich als Humorist am Klavier und
als Moderator mit Witz und Hintersinn. Dabei saßen die Pointen
und Wortspielereien ebenso wie manche musikalischen Tücken, denn
nicht nur Liszt wurde mit List eingefärbt und durch den
musikalischen Fleischwolf gedreht, auch Bach, Bartók, Verdi
und Wagner, Schubert und Schönberg standen Pate oder halfen auf
die Sprünge.
Und
die Verantwortlichen? Das waren Siegried Ochs, der um die vorletzte
Jahrhundertwende das Lied „Kommt ein Vogel geflogen“ filetierte
und im Stile „alter“ und „neuer“ Tonmeister parodierte.
Mittlerweile sind K. H. Pillneys „Variationen“ über „Was
tust Du mit dem Knie, lieber Hans“ ebenso Legende wie Joachim
Volkmanns „pianistische Maulwurfsarbeit“ (Zitterbart) über
„Ein Männlein steht im Walde“ und nicht zuletzt Hans
Priegnitz’ zwerchfellerschütternde Fassungen von „Lili
Marleen“. Da wurde „Unter der Laterne“ mithilfe von Mozarts
„Türkischem Marsch“ ebenso geküsst wie zu Beethovens
„Pathétique“. Doch die ultimative Edelschnulze bot erst
die Beimischung einer Prise aus Brahms’ „Guten Abend, gut’
Nacht“. Hatte da noch jemand trockene Augen?
Hannoversche
Allgemeine Zeitung, Günter
Helms
Göttingen
Januar 2007: Freuden des Entdeckers
Der
erste Schnee in Göttingen – beste Rahmenbedingungen also für
einen Klavierabend am Kamin im Goethe-Institut. Zwar blieb das
buchstäbliche Feuer (leider) aus, für knisternde Spannung
sorgte dennoch Gerrit Zitterbart auf einem Hammerflügel (Kopie
nach Anton Walter 1795).
Der
Göttinger Pianist wischte dabei das staubige Vorurteil beiseite,
das 18. Jahrhundert halte nur Sonaten-Trockenfutter bereit, in dem
sich allemal noch Motten wohl fühlen. Zitterbart versteht es,
sein Insider-Wissen in leicht verdaulichen Häppchen zu
vermitteln ohne dabei zu dozieren.
Entsprechend
ist das Hörbild. Sein Spiel klingt nicht so, als zerrte die
gesamte Wissenslast der Musikgeschichte an den armen dünnen
Notenhälsen. Leicht und duftig kommt Christian Bachs D-Dur op.
5/2 Sonate daher. Eine Göttinger Erstaufführung erlebte
darauf die originelle Sonate D-Dur des Bruders Johann Christoph
Friedrich Bach, dessen Werk immer noch zu großen Teilen in den
Archiven schlummert und der Entdeckung harrt. Mit Hinweisen auf
instrumentenbauliche Details erhellte Zitterbart die spezifische
Schreibweise des Mozart-Zeitgenossen Muzio Clementi, den viele wohl
nur als Verfasser harmloser Etüden kennen. Doch sei die g-Moll
Sonate op. 7/3 beileibe „kein Kinderkram, sondern ernsthafte, große
Musik“. Tatsächlich ist hier schon eine Vorahnung der Romantik
auszumachen – stellenweise müsste man wegen der dunklen Bässe
wohl eher von einem Vorbeben sprechen. In zukünftige
Ausdrucksregionen wiesen auch Haydns düstere f-Moll-Variationen
von 1794. Zitterbart hob vor allem die experimentelle Seite des
Werkes hervor. Den inspirierten Tastenvirtuosen konnte er schließlich
mit Johann Nepomuk Hummels Sonate f-Moll op. 20 herauskehren, die mit
einem fast orchestral anmutenden, rauschenden Final-Presto
auftrumpft. Viel Applaus aus voll besetzten Reihen, für den sich
Zitterbart mit C. P. E. Bachs Solfeggietto in weltrekordverdächtigem
Tempo bedankte.
Göttinger
Tageblatt, Matthias Schneider-Dominco
Bielefeld
November 2006: Ereignishafter Dreiklang
Es
war ein ereignishafter Dreiklang von Werk, Interpret und Instrument,
zu dem das Museum Huelsmann an diesem Wochenende den kostbar-intimen
Rahmen lieferte: In einer Gesprächskonzert Trilogie
präsentierte der renommierte Tastenmusiker Gerrit Zitterbart auf
einem historischen Hammerflügel (Wien 1829) die drei in Franz
Schuberts Todesjahr 1828 entstandenen letzten Klaviersonaten.
Authentischer
und plastischer lässt sich ihr besonderer zyklischer Charakter
(Schubert schrieb an allen drei gleichzeitig!) kaum vermitteln. So
(vor-)spielerisch-diskursiv der Klavierdozent Zitterbart in
kompositorische Eigenarten und Zusammenhänge der Trias
einführte, so faszinierend lebendig führte der
Gründer-Pianist des seit 30 Jahren erfolgreichen Abegg Trios sie
aus: Schuberts existenzieller Zerrissenheit zwischen Todesahnung und
Aufbruch im Bewusstsein der Reife, musikalischer "Daheimeligkeit"
(im Sanglich-Zustandhaften seiner Melodik) und Sich-fremd-Sein (in
unerhörten harmonischen Rückungen und unvermittelten
Abbrüchen) ist er ein begnadeter Interpret.
Für
ein Klangbild wie zu Lebzeiten des Komponisten sorgte der größte
Schatz vor Ort, ein Hammerflügel der seinerzeitigen Wiener
Nobelfirma Nannette Streicher, geb. Stein. Wieso der berühmte
Fachkollege Andreas Staier einmal bei einem Oetkerhallen-Auftritt vor
der (für Schubert zu langsamen?) "oberschlägigen"
Mechanik des raren Prunkstücks kniff und lieber in die
Steinway Tasten griff, bleibt unerfindlich. Unter Gerrit
Zitterbarts Händen lässt selbst ein Allegro vivace con
delicatezza zu nehmendes Scherzo nichts an leichtgängiger
Schnellkraft vermissen. Dafür fasziniert schon bei der
Einstimmung (oder Zugaben) der drei Abende mit Schubert-Tänzen
die ganz eigen ausregistrierte und mit enormer Klarheit der
Stimmverläufe aufwartende Klangfarbigkeit. In den Sonaten-Welten
fallen aus der Kontraoktav herausgeschleuderte Extremtöne oder
wenn der Diskant mit filigranätherischen Pianino- bis
Zither-Anklängen aufwartet geradezu als Grenzerfahrungen ins
Ohr.
Seligkeit und
Schmerz, Glück und Verzweiflung
In
Gerrit Zitterbarts umgestellter Abfolge erhält die mild
strömende Gesanglichkeit in B-Dur (D 960) das erste, die heillos
umdüsterte Tarantella-Entfesselung in c-Moll (D 958) das letzte
Wort. Ob er wunderbar transformatorisch dem moderaten
B-Dur-Pulsschlag folgt oder unvermittelt zwischen den gegensätzlichen
Sphären in A-Dur wechselt er legt die Schubertschen
Seelenzustände klangdramaturgisch offen, durchlebt ihre
jederzeit ambivalenten Stimmungen und Verstörungen in
nuancierter Klanglust. Seine Pausen-Abbrüche reißen
senkrechte Abgründe auf, über die die scheinbar trällernd
frohgemuten Final-Rondos nur mit gewaltsamer Stretta-Virtuosität
zum Ende finden. Nichtsdestoweniger gibt er all den Themengebärden
und Klangflächen, Umschwüngen und Doppelbödigkeiten
musikalische Stringenz und innere Geschlossenheit. Seligkeit und
Schmerz, Glück und Verzweiflung sind in diesem Schubert Spiel
zum Greifen nah. Das kleine Kenner-Publikum zollte dem Künstler
bewundernden Beifall. Und sein Klangmedium, der Bielefelder
Nannette-Streicher-Hammerflügel, würde sich in der langen
Liste seiner CD-Aufnahmen sicher ausgezeichnet machen.
Neue
Westfälische, Michael Beughold
Coburg,
Mai 2006: Spannende Reise durch Klangwelten
Das
kennen wir alle: Ein Pianist betritt das Podium, absolviert sein
vorgelegtes Programm, nimmt mehr oder weniger huldvoll den Beifall
entgegen, sammelt seine letzten Kräfte für eine Zugabe und
verabschiedet sich mit unverbindlichen Verbeugungen von seinem
Publikum, um in seiner Privatsphäre zu verschwinden.
Nicht
so bei Gerrit Zitterbart, jenem Pianisten, dessen Herz am originalen
Klavierklang der Klassik hängt. Bei ihm wird ein Klavierabend zu
einem eher familiären Beisammensein, wie die Mitglieder und
Gäste des Coburger „Verein“ am Montagabend im Foyer der HUK
erfreut feststellen konnten. Er benötigte kein Künstlerzimmer,
denn er stand vor dem Konzert, in der Pause und auch nach seinem
Programm Zur Information und Unterhaltung dem Publikum zur Verfügung.
Doch
auch im Rahmen des Konzertes gaben seine Ausführungen den
Zuhörern wertvolle Hinweise zu den interpretierten Werken und
vor allem zu dem besonderen Instrument, das er mitgebracht hatte. Es
handelte sich um einen Nachbau eines Hammerflügels von Anton
Walter, Wien 1795. Wolfgang Amadeus Mozart bezog ebenfalls ein
Instrument dieses Klavierbauers.
Die
Instrumente jener Zeit waren mit Lederhämmern ausgerüstet
und anstelle des heutigen Pedals gebrauchte man einen Kniehebel, der
zudem ein Moderato-Register mit weicherem Klang schalten konnte. Vor
dem modernen Flügel aufgestellt wirkte dieses Instrument umso
schlanker und zierlicher, wobei seine äußere Form bereits
optisch auf den Klang vorbereitete. Dieser ist schlank, leicht
metallisch, etwas schwebend und trotz aller Intimität
raumfüllend. Beim Spiel ergeben sich durch veränderte
Obertonreihen zuweilen überraschende harmonische Ergebnisse, bis
hin zum Zweifel an der Richtigkeit der gewählten Töne.
Die
allerdings traf Gerrit Zitterbart bei Wolfgang Amadeus Mozarts drei
kleinen Klavierstücken immer. Filigran und geradezu listig
gestaltet spielte er zu Beginn das heitere Rondo D-Dur KV 485, dem er
das kontrastierend abgedunkelte Rondo a-Moll KV 511 gegenüber
stellte. Vollends in die intimeren Bereiche des Komponisten schlich
sich der Pianist mit dem Klavierstück h-Moll KV 540, dessen
Träumerei er märchenhaft erklingen ließ.
Als
zentrales Werk der ersten Konzerthälfte durfte aber Mozarts
Sonate c Moll KV 457 gelten, die ebenfalls auf dem historischen
Instrument interpretiert wurde. Wer nun glaubte, diese Sonate würde
an ihrem dramatischen Gehalt auf dem kleinen Hammerklavier verlieren,
wurde getäuscht. Mit gleicher elementarer Gewalt und
Vorwärtsdrang bewältigte der Pianist den ersten Satz (Molto
Allegro), sang die Elegie des Adagio frei schwingend aus und gab dem
abschließenden Allegro assai die nötige Portion Wut mit.
Für
Franz Schuberts Sonate B-Dur op. posth. D 960 setzte sich Gerrit
Zitterbart an den großen Steinway, der wieder in die aktuelle
Klangwelt führte. Diese Sonate stellt höchste Anforderungen
an die Klangkultur eines Pianisten, seine Anschlagskunst und seine
Fähigkeit der inneren Gliederungen. Bei Gerrit Zitterbart, der
das mehr als halbstündige Werk
auswendig spielte, fand man all diese
Tugenden in reichem Maße.
Spannungsvoller
hätte man die Entwicklung des ersten Satzes Molto moderato vom
kreisenden Kernthema aus nicht gestalten können. Er gestaltete
nicht in Schritten, sondern schuf ineinander fließende Linien,
einen Kosmos sich gegenseitig beeinflussender Kräfte und
Emotionen. Das Gebäude des folgenden Andante sostenuto erhielt
unter seinen Händen eine erstaunliche Statik, auf den Pfeilern
der Orgelpunktbässe ruhend. Dem mit Gegenakzenten gespickten
Scherzo Allegro vivace folgte der fast apotheotisch wirkende
Schlusssatz wie ein musikalisches Vermächtnis des Komponisten.
Wer
dem Publikum einen Finger reicht, in diesem Fall ein jugendliches
Scherzo von Franz Schubert als Zugabe, muss schließlich die
ganze Hand geben. Gerrit Zitterbart gab sie, indem er den zweiten
Satz von Mozarts Sonate C-Dur KV 330 zum Vergleich auf beiden
Instrumenten darbot.
Neue Presse
Coburg, Martin Potyra
Mannheim
Mai 2006: Sensibles Hämmern
Er
ist 85 Kilo leicht, vier Jahre jung, lässt sich schnell zerlegen
und auf einem PKW-Anhänger kutschieren: der Hammerflügel
von Gerrit Zitterbart. Er stellt ihn als Kopie eines Wiener Originals
von 1795 vor. Mit einem Handgriff zieht er das Manual aus dem
Gehäuse, um dem Publikum der Mozart-Gesellschaft Kurpfalz das
Innenleben zu zeigen. Wenn die lederbezogenen Hämmerchen die
Saiten anschlagen, erzeugen sie kristallene, einzeln perlende Töne,
die sich mit der Akustik in Mannheims Schlosskirche bestens
vertragen. Der technische Fortschritt macht sich besonders in den
Bass-Regionen bemerkbar, die schwere Gänge, Donner-Effekte und
gefühlsbetonte Abstürze erlauben.
Aus
dieser Tiefe schöpft Zitterbart die Impulse für seinen
"Originalklang". Der Hannoveraner Professor relativiert
diesen Titel während seiner anschaulichen Einführung; als
gewissenhafter Historiker muss er erwähnen, dass die
Instrumentenbauer um 1800 unentwegt herumexperimentierten, sodass
allenfalls von einem unter vielen Originalklängen die Rede sein
kann. Auf den Hammerflügel in Mozarts Geburtshaus ging er leider
nicht ein, aber es wird ohnehin deutlich, worauf es ihm ankommt: Zu
vergegenwärtigen, wie es sich angehört haben mag, als
Mozart die "Gewitter-Zonen" in den Variationen KV 455 und
613 oder in der Sonate KV 333 auskostete. Wer nicht täglich am
Hammerflügel sitzt, ist doch sehr empfänglich für die
metallischen, perkussiven Verwandlungen des Virtuos-Verschnörkelten
und Geistvoll-Unterhaltenden, die Phasen von der nachdenklichen Frage
bis zum Bekenntnishaften durchlaufen. Bei Haydns f-Moll-Variationen
und e-Moll-Sonate übt sich der Pianist noch in gestalterischer
Bescheidenheit. Er konzentriert sich zwar auf Kontraste, teils
spritzig, teils strömend. Die Wucht der Bässe behält
er sich für Mozart vor.
Mannheimer
Morgen
Hirschberg
Mai 2006: So leicht zu hören und doch so schwer zu spielen
"Mozart
in der Werkhalle" - Erinnerungen drängen sich da ein
bisschen auf. Furtwängler und die "Berliner" im
Kabelwerk Oberspree, Schostakowitsch und die "Leningrader"
ihrer belagerten Stadt. Es ist, bezieht man vergangene Zeiten mit
ein, nicht ungewöhnlich, dass Klassik auch in einem ungewohnten
Ambiente vermittelt wird. Und doch: Chor- und Kirchenmusik, von der
kleineren Formation bis hin zum veritablen Sinfonieorchester, dazu
Ballett und Folklore, Pop und Jazz in einer Aufführungsreihe und
unter einem Dach stellen eine Novität in der Region dar.
Dass
"Musik bewegt", dass "Kinder der Rhythmus dieser Welt"
sind, haben viele Mitwirkende in den vergangenen Tagen in der
"Goldbeck-Halle" in Hirschberg bewiesen. Ihren Abschluss
fand diese Veranstaltungsreihe am Mittwochabend, an dem die
Heidelberger Sinfoniker und ihr Dirigent Thomas Fey, zusammen mit dem
Pianisten Gerrit Zitterbart, zum konzertanten Ausklang geladen
hatten. Fast 400 Besucher fanden sich dazu ein.
Auch
die getroffene Auswahl aus Mozarts Œuvre (immerhin hat er 28 Werke
für Klavier und Orchester geschrieben) bewegte sich nicht im
Bereich des Alltäglichen, des
immer-wieder-und-schon-allzu-oft-Gehörten. Mit den beiden, in
freundlichem "Dur" stehenden Konzerten KV 413 und 415,
entstanden 1782 und 1783 in Wien, hatten die "Heidelberger"
sich für eine nicht allzu schwere Kost entschieden. Mozart hat
sie, so weit man es weiß, nicht als Auftragsarbeiten
geschrieben, sondern sozusagen "auf Vorrat", nachdem er von
Graf Arco mit einem Fußtritt aus seiner bisherigen Stellung
vertrieben worden war.
Nichts
von diesen misslichen Umständen findet sich in Mozarts Musik;
heiter und unangestrengt wirkend musizierten das Orchester und der
Solist den Allegro-Eingangssatz, ließen ihm einen geradezu
"klassisch" anmutenden Larghetto-Satz folgen. Nur wenige
und sehr sanfte Akzente zum sensiblen Spiel des Solisten fügte
das Orchester hinzu; feiner und ausdrucksvoller kann man Mozart wohl
kaum spielen. Das gilt auch ohne Einschränkung für den
abschließenden Menuetto-Satz; eine feine, weich klingende
Arbeit mit gut gesetzten und dennoch nie dramatisierten Akzenten.
Noch
etwas mehr an Klang und Volumen zeigte das Orchester im zweiten Werk
des Abends, im Klavierkonzert KV 415. Wahrhaft "mit Pauken und
Trompeten", die jetzt hinzugekommen waren - fülliger wurde
der Klang, ohne die Charakteristik Mozartscher Musik zu verlassen.
Verhalten die ersten Takte, um dann in eine mächtige
Tutti-Passage zu münden - ein Auftakt, der über brillante
Soli zu eindringlich, aber nie "massig" wirkenden
Orchesterpartien führte. Geradezu "seidenweich"
gemacht, sowohl vom Orchester als auch vom Solisten, der klangvolle
Andante-Satz; mündend in einen temporeichen und doch sanfte
Passagen einschließenden Schlusssatz, mit feinem Humor
musiziert. Noch darin ein paar Erinnerungen an die Pathetik des
ersten Satzes und dann doch phrasenlos ins Finale geführt.
Eine
interessante "Zugabe" hatte Professor Zitterbart für
das Auditorium parat: Wissenswertes über das ungewöhnlich
erscheinende Instrument, auf dem er musizierte - Nachbau eines
"Pianoforte". Und natürlich gab es auch "echte"
Zugaben; hatten sich schon Thomas Fey und "die Heidelberger"
für den langanhaltenden Applaus bedankt, so konnte Gerrit
Zitterbart noch etwas "draufsetzen". Gleich zwei Zugaben,
eine temperamentvolle und eine etwas verhaltene. Mit denen ein ebenso
heiteres wie hochkarätiges Konzert und eine ebenso wertvolle wie
bereichernde Veranstaltungsreihe ihr Finale fand.
Mannheimer
Morgen
Frankfurt
Januar 2006: Ein Ferrari für Mozart
Früheste
Mozart-Stücke mit Zitterbart im Holzhausenschlößchen
„Des
Wolfgangerl Compositionen in den ersten 3 Monaten nach seinem 5ten
Jahre“ zeigten in der Auswahl und chronologischen Abfolge, die
Gerrit Zitterbart beim Neujahrsempfang der Frankfurter Bürgerstiftung
im Holzhausenschlößchen vorstellte, eine rasante
Entwicklung: Schon anhand der ersten, sekundenkurzen Klavierstücke
mit den Köchel-Verzeichnisnummern KV 1a, b, c, d, 2, 3, 4 und 5
lasse sich nachvollziehen, wie der Wunderknabe Mozart sich mit dem
Tasteninstrument von Monat zu Monat immer besser vertraut gemacht
habe, erläuterte der Pianist des Abegg-Trios zu seinem Vortrag.
Er spielte im Zusammenhang mit der Ausstellung "Drei
Generationen Mozart in Frankfurt" (F.A.Z. vom 14. Januar), die
zum Empfang offiziell eröffnet wurde und bis zum 24. Februar im
Holzhausenschlößchen zu sehen sein wird, auf einem
historischen Hammerflügel, einer Leihgabe aus der Sammlung
Michael Günther.
Das
um 1790 von Ferdinand Hofmann in Wien gebaute Instrument wäre
allerdings sicherlich "ein Ferrari für Mozart"
gewesen, sagte Zitterbart. Denn angefangen habe der junge Komponist
auf wesentlich einfacheren Instrumenten. Eigentlich müßten
seine frühesten Stücke sogar auf einem Clavichord oder
Cembalo gespielt werden. Aufgeschrieben habe die Sätze anfangs
noch Vater Leopold Mozart wohl in Anlehnung an Improvisationen seines
Sohnes, die er noch etwas ausfeilte. Nach dem Besuch in Frankfurt im
Zuge einer Konzertreise 1763 begann das kleine "Wolfgangerl"
dann aber auch schon, musikalische Ideen selbst in Noten zu fixieren.
Musikalische
"Explosionen" und "Quantensprünge" sind,
nach Zitterbart, der sich seit langem mit historischen
Tasteninstrumenten beschäftigt und seit einiger Zeit auch
Konzerte auf Hammerflügeln gibt, dann in den Kompositionen des
Jahres 1764 zu verzeichnen - bis hin zu dem inspirierten Klavierstück
C-Dur KV 9a. In England machte die Familie Mozart im selben Jahr
Bekanntschaft mit dem jüngsten Bach-Sohn Johann Christian, der
schon im frühen klassischen Stil schrieb und von dem der junge
"Götterliebling" zweifelsohne manche Anregung empfing.
Auch lernte er in London vermutlich hervorragende neue Instrumente
kennen.
Das
dort in dieser Zeit entstandene, von Zitterbart besonders
differenziert vorgetragene, durch die Moll-Tonart und die Harmonien
tiefgängige Klavierstück g-Moll KV 15p schien diese
vielfältigen Eindrücke zu spiegeln. Wie viele klangliche
Facetten sich dem im Grunde nachmozartschen Hammerflügel
abgewinnen lassen, demonstrierte Zitterbart schließlich am
eindrucksvollsten mit zwei hochkarätigen Werken späterer
Jahre: mit der Fantasie d-Moll KV 397 und der Sonate B-Dur KV 333.
Frankfurter
Allgemeine Zeitung
Zyklus der drei letzten Klaviersonaten von Franz Schubert im Göttinger Goethe-Institut Oktober bis Dezember 2005
»Nein! Doch! Nein! Doch!« Gerrit Zitterbart kommentiert das Finale aus
Franz Schuberts später B-Dur-Klaviersonate. »Nein!« – das sind die
heiter-verspielten, leisen Passagen, die von einer herrisch-lauten
Oktave – »doch!« – immer wieder unterbrochen werden. Im langsamen Satz
vernehmen wir einen Männerchor (»Das ist Concordia Bovenden«), bei
einer unvermuteten harmonischen Wendung fallen wir im Fahrstuhl eine
halbe Etage herab, werden sanft aufgefangen und steigen wieder nach
oben.
»Gesprächskonzerte«, heißen diese musikalischen Plaudereien, mit denen
der Pianist und Hochschulprofessor den Zuhörern im Göttinger
Goethe-Institut die Musik nahe bringt. Am Mittwoch eröffnete Zitterbart
seine dreiteilige Schubert-Reihe mit der B-Dur-Sonate und einem Bündel
Deutscher Tänze zur Einstimmung.
Zitterbart macht keine wissenschaftlichen Analysen, aber er redet auch
nicht blumig an der Sache vorbei. Er bringt in treffenden sprachlichen
Bildern das Besondere der Musik auf den Punkt, zeigt, wie Melodie und
Begleitung verwoben sind, mit welchen Mitteln Schubert die Erwartungen
des Hörers täuscht oder wie klein eigentlich der Tonvorrat ist, aus dem
Schubert die schönsten Melodien zaubert.
All die charmant vorgetragenen Beschreibungen zeugten von Zitterbarts
intensiver Beschäftigung nicht nur mit dem Notentext, sondern auch mit
Fragen der Werkentstehung und anderen Details. Dies ist Voraussetzung
auch für die angemessene pianistische Interpretation der Sonate, die
Zitterbart nach der Pause im Zusammenhang vorstellte. Mit
vorausschauendem Blick gestaltete er die weiten Bögen, die er zuvor so
anschaulich in Worten beschrieben hatte, kostete die bezaubernden
Farbwirkungen des Schubertschen Klaviersatzes aus und setzte enorm
kraftvolle, nicht zufällig an Beethoven erinnernde Akzente. Das war ein
klar konturierter, straff geformter Schubert: ein Hochgenuss.
Begeisterter Applaus. Als Zugabe spielte Zitterbart noch einmal einen
zärtlichen Schubert-Tanz, mit dem er die zahlreichen Zuhörer beschwingt
in die Nacht entließ.
Wer an seine Schulzeit zurückdenkt, bringt nicht immer die Begriffe
Lernen und Genuss zur Deckung. Dies wird in der Tat oft vom Druck des
Systems verhindert – wenn aber dieser Druck nicht nötig ist, kann
Lernen sehr wohl Spaß machen.
So haben die Gesprächskonzerte »Clavier am Kamin« mit Gerrit Zitterbart
im Göttinger Goethe-Institut inzwischen ihr treues Stammpublikum, das
auch am zweiten Abend im diesjährigen Schubert-Zyklus den Saal fast
gänzlich füllte. Der Pianist hatte Schuberts große A-Dur-Sonate aus dem
Jahre 1828 in den Mittelpunkt gestellt, ergänzt durch ein
unterhaltsames Potpourri federleicht schwebender kleiner Tänze.
Von der Architektur der Sonate erzählte Zitterbart, vom Schicksal
kleiner Motive, die in den verschiedenen Sätzen in immer neuer
Beleuchtung hervortreten, von himmlischen Gefilden und höllischen
Abgründen, einsam singenden Solostimmen und harmonischen Chören.
Immer sind Zitterbarts Bemerkungen fundiert und vermitteln erhellende
Einsichten in die Struktur, den Beziehungsreichtum und die Dramaturgie
dieser Musik. Natürlich hat Schubert beispielsweise den Schluss des
Finales nicht ausschließlich dafür geschrieben, dass Zuhörer zum
Klatschen animiert werden – aber dieser popularisierende Umweg der
Argumentation bereitet dem Zuhörer glucksendes Vergnügen und schärft
seinen Sinn für Schuberts Musik dennoch nachhaltig.
Sehr konzentriert stellte Zitterbart im zweiten Teil des Abends die
Sonate im Ganzen vor, mit scharfen Akzenten und zugleich mit viel
zärtlicher Zuwendung zur melodischen Poesie. Die Zuhörer ließen sich
verzaubern, klatschten ausgiebig und erhielten zum Dank als Zugabe
einen kleinen, duftigen Walzer.
»Was macht Schubert, wenn ihm nichts mehr einfällt? Eine Pause.« Diese
– nicht ganz ernst gemeinte, aber durchaus erhellende – Weisheit gab es
am Mittwoch und Donnerstag im Göttinger Goethe-Institut zu lernen.
Pianist Gerrit Zitterbart stellte am dritten und letzten Abend seines
Schubert-Zyklus die späte Klaviersonate c-Moll vor, zunächst in Form
einer spannenden, lehrreich-unterhaltsamen Kurzanalyse mit
Musikbeispielen, sodann im Ganzen.
Seine Erkenntnisse vermittelte Zitterbart ohne pädagogische
Aufdringlichkeit. Wenn er beispielsweise die für Schubert typischen
Wendungen der Harmonik in unerwartete neue Bereiche erläutert und dabei
vom »Fahrstuhleffekt« spricht, können auch der Musiktheorie Unkundige
seinen Ausführungen mühelos folgen. Schön, dass er die Untersuchungen
von Peter Gülke zu den drei späten Schubert-Sonaten erwähnte: Die
motivische Substanzgemeinschaft dieser gleichzeitig entstandenen Werke
ist in der Tat bemerkenswert.
Eingeleitet hatte Zitterbart den Abend mit zwei federleichten
Kleinigkeiten, den beiden Scherzi D 593 des 20-jährigen Schubert,
anmutig dahingetupften Miniaturen. Im Vergleich mit ihnen wirkte die
c-Moll-Sonate wie ein Koloss: wuchtig dramatisch, mit zackig-spitzen
Konturen, ausladend in den Formdimensionen, gleichwohl immer wieder
auch für Ausbrüche in ganz andere Klanglandschaften gut, in sanft
gewellte, in weiches Licht getauchte Gefilde der Seligen. Sehr
konzentriert und detailgenau stellte Zitterbart diese Musik dar, im
Anschlag fein differenziert, durchdacht ohnehin, wie die Analyse ja
bereits eindringlich gezeigt hatte. Zum Dank für den begeisterten
Beifall spielte er das Andante aus Mozarts C-Dur-Sonate KV 330 – eine
Zärtlichkeit mit Träne im Augenwinkel.
Göttinger Tageblatt, Michael Schäfer
Göttingen, 22.1.2005
Glitzernd silbrige Klänge mit scharfer Attacke
Früher
nur für einen kleinen Kreis von Spezialisten interessant, ist die
historische Aufführungspraxis heute schon beinahe Allgemeingut. Das hat
der Mozart-Abend des Pianisten Gerrit Zitterbart im Göttinger
Goethe-Institut wieder auf bestechende Weise deutlich gemacht. Der
schwere, klangstarke Flügel, der sonst bei Konzerten im Goethe-Institut
aufgestellt ist, hatte einem grazilen dunkelbraunen Instrument auf
schlanken Beinen Platz gemacht, einem Hammerflügel, den der in der Nähe
von Salzburg angesiedelte neuseeländische Instrumentenbauer Robert
Brown gefertigt hat – nach einem historischen Vorbild des Wiener
Klavierbauers Anton Walter aus der Zeit um 1800.
Unerwartete Klangwirkungen
Zwei
Fantasien (d-Moll und c-Moll) und drei Sonaten Mozarts (C-Dur KV 330,
a-Moll KV 310 und B-Dur KV 333) stellte Zitterbart auf diesem
Instrument vor und verblüffte seine Hörer immer wieder mit unerwarteten
Klangwirkungen. Viel heller und klarer, vor allem in tieferen Lagen,
erscheint die Musik, rasche Läufe erhalten eine glitzernde Silbrigkeit.
Und was man aus diesem Instrument an aggressiv-scharfer Attacke
hervorzaubern kann, ist weit entfernt von dem verfälschten Bild des
stets galanten, vergnügt lachenden Rokoko-Genius.
Sicherlich kann
man Mozarts Musik auch auf dem heutigen Konzertflügel angemessen
darstellen. Dazu gehört aber auf jeden Fall das Wissen, welches
transparente, klar konturierte Klangbild die Instrumente der
Mozart-Zeit erzeugt haben. Diese Kenntnisse vermehrte Gerrit Zitterbart
nicht nur in seinem virtuosen, ausdrucksreichen, stets durchdacht
gestalteten Spiel, sondern auch in seinen kenntnisreichen
Erläuterungen, in denen er musikalische und instrumententechnische
Sachverhalte dem Publikum auf unterhaltsame Weise nahe brachte.
Dankbarer Applaus, der Kopfsatz der »Sonata facile« war die Zugabe.
Michael Schäfer, Göttinger Tageblatt
Festival »La Passione« Heidelberg Herbst 2004
Zwei Beethoven-Welten
Gerrit Zitterbarts instruktiver Klavierzyklus beim »La Passione«-Festival
»Man
ist bei diesem Instrument einfach näher dran am Komponisten«: Gerrit
Zitterbart, Pianist des Abegg´Trios und langjähriger Musizierpartner
der Heidelberger Sinfoniker, ist ein erklärter Fan des klassischen
Hammerflügels und vermittelt diese Begeisterung so ansteckend wie nur
irgend denkbar. Sein an drei verschiedenen Konzertorten in Ladenburg,
Neckarhausen und in Leimen präsentierter Beethoven-Zyklus im Rahmen des
Festivals »La Passione« machte freilich nicht nur mit der wesentlich
feineren (Holz-)Bauweise und dem besonderen farblichen Charme des
historischen Tasterinstruments vertraut, sondern eröffnete auch die
seltene Möglichkeit zum direkten Klangvergleich mit dem modernen
Konzertflügel.
Für seine ebenso instruktive wie unterhaltsame
Zeitreise in Sachen Beethoven verwendete Zitterbart eine von Michael
Walker gebaute Kopie genau jenes Anton-Walter-Flügels, den der
Komponist selbst zwischen 1795 und 1804 besessen. und gespielt hat Auf
diesem Instrument erlebt man den kompromisslos technische wie
künstlerische Grenzen ausreizenden Klangexperimentator und
Ausdrucksmusiker Beethoven in aufregend neuer, ungeglätteter Intensität.
Insbesondere die den Zyklus krönende »Waldstein«-Sonate C-Dur op. 53
wurde in Zitterbarts herrlich knackiger und pointierter
Hammerflügel-Wiedergabe zum echten Hörabenteuer, neben dem die
vorangestellte Konzertflügel-Version – bei aller ebenbürtigen Brillanz
des Vortrages – doch erstaunlich blass und konventionell wirkte.
Der unerhört farbige und griffige Sound eines solchen
»Originalinstruments« erscheint in der Tat unverzichtbar, wenn man
Beethovens Klavierwerke quasi von ihren Ursprüngen her begreifen will.
Und dass eine gute Portion »Hammerklavier-Leichtigkeit« auch auf dem
modernen Flügel keineswegs schaden kann, hat Gerrit Zitterbart ohnehin
schon immer eindrucksvoll bewiesen.
»Näher dran am Komponisten« fühlte man sich bei diesem ungewöhnlich
kommunikativen und entspannten, das Publikum in Fragerunden sogar aktiv
einbindenden Beethoven-Zyklus in jedem Fall. Für derartige
Gesprächskonzert-Reihen ist der joviale Virtuose ohne Zweifel die
Idealbesetzung.
Klaus Roß, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
Göttingen, 6.11.2004
Nachhaltig infizierend · Zitterbart spielt Chopin
Er ist ein Phänomen. Gerrit Zitterbart dürfte (mindestens in
Norddeutschland) der einzige Musiker sein, der sich noch eine Minute
vor Konzertbeginn angeregt und völlig entspannt mit Besuchern
unterhält, um sich dann aufs Podium zu begeben und sein musikalisches
Programm in eben dieser anregend-entspannten Art und Weise
vorzustellen. Auch beim zweiten Abend seines Chopin-Zyklus im voll
besetzten Göttinger Goethe-Institut führte er dieses sympathische
Ritual vor. Musik des reifen Chopin hatte er aufs Programm gesetzt,
jeweils ein Nocturne und eine Ballade kombinierend: vor der Pause das
Des-Dur-Nocturne op. 27 Nr. 2 und die dritte Ballade As-Dur, dann das
f-Moll-Nocturne op. 55 Nr. 1 und die vierte Ballade f-Moll. Daran
demonstrierte der Pianist Chopins kompositorische Verfahren. Und weil
es sich um ein »Gesprächskonzert« handelte, konnte er diese Verfahren
auch einführend erläutern.
Dabei mied er unverständliches Fachchinesisch, ohne aber ins bloß
Anekdotische abzudriften. Vielmehr machten seine Erläuterungen auch
deutlich, mit welcher Begeisterung und Freude er sich dieser Musik
widmet. Und damit vermochte er seine Zuhörer nachhaltig zu infizieren –
der Genuss an der variantenreichen Ausschmückung von Motiven und
Themen, an den verschiedenen harmonischen Licht- und Duftwirkungen, die
Chopins Musik ausübt, war auf diese Weise nachhaltig gesteigert.
Zart bis dramatisch
Zitterbart ist ein sehr genau gestaltender, im Anschlag äußerst
flexibler, brillanter Pianist, dem von der zarten Poesie der Nocturnes
bis zu den dramatischen Ausbrüchen der Balladen ein sehr breites
Spektrum an Ausdruckswerten zu Gebote steht. Das machte sein Vortrag
immer wieder deutlich, für den ihm die Zuhörer mit begeistertem Applaus
dankten. Als Zugabe bekamen sie eine melancholisch-schwebende Mazurka
auf den Heimweg.
Michael Schäfer · Göttinger Tageblatt
Göttingen, 7. November 2003 Von hässlichen und schönen Klängen
»Clavier am Kamin«: Gerrit Zitterbart im Göttinger Goethe-Institut
Ein kleines rotes Schild »Ausverkauft!«: Der Start der neuen
Konzertreihe »Clavier am Kamin« mit Gerrit Zitterbart im Göttinger
Goethe-Institut am Mittwoch war ungewöhnlich erfolgreich.
Er spielt nicht nur hervorragend Klavier, sondern er ist auch ein
kenntnisreicher und amüsanter Plauderer. Das hat Gerrit Zitterbart in
etlichen Konzerten erfolgreich bewiesen. So hatte die von Rolf-B.
Klieme, dem Leiter des Göttinger Goethe-Instituts, mit Zitterbart
gemeinsam entwickelte Idee einer Reihe von Gesprächskonzerten unter dem
Motto »Clavier am Kamin« gleich am ersten Abend enorme Resonanz. Viele
Neugierige konnten keinen Platz mehr ergattern und zogen enttäuscht von
dannen.
Den übrigen aber stand ein lehrreicher, dennoch ungewöhnlich amüsanter
Abend bevor. Am Nachbau eines Hammerflügels von 1795 führte Zitterbart
vor, wie Beethovens Klaviermusik um 1800 geklungen haben muss: viel
transparenter als auf dem modernen Konzertflügel, heller, eleganter.
Ursachen dafür gibt es viele – etwa die mit Leder, nicht mit Filz
bezogenen Hammerköpfe, die einen cembalonahen Klang erzeugen, und die
leichtere Bauart, das Vorherrschen von Holz im Inneren des Instruments,
wo heute vieles aus Metall gefertigt wird.
So wirkten die beiden kleinen Sonaten op. 49 viel gefühlsintensiver,
als wir das heute gewöhnt sind, zarter, gefälliger. Und auch die
»Pathétique« op. 13, sonst ein Klang-Koloss, an dem Klavierspieler ihre
pianistischen Muskeln zeigen, erhält eine andere musikalische
Physiognomie. Das Grummeln der Bassakkorde zu Beginn verliert seine
Gefährlichkeit, Mittelstimmen können sich freier entfalten, weil sie
nicht von den mächtigen Schwingungen der tiefen Saiten zugedeckt werden.
Zitterbart machte dies mit zwei kompletten Aufführungen dieser Sonate,
zuerst am modernen Flügel, dann am Hammerflügel, schlagend (und
virtuos) deutlich. Daneben gab er eine Einführung in Beethovens Kunst
im Umgang mit kleinsten musikalischen Bauteilen (»Es ist ihm nichts
eingefallen, aber was er daraus gemacht hat, ist unglaublich«), in
Beethovens Persönlichkeit (»Da sitzt ein knorriger Mann und sondert
böse Gedanken ab«), in dessen Umgang mit Akkorde und Tonleitern, mit
hässlichen und schönen Klängen.
»So einen Musikunterrricht hätten wir damals haben müssen«, seufzten
begeisterte Hörer nach diesem Klassikkurs. Und klatschten so lange, bis
Zitterbart ihnen Beethovens Klavierstück »Lustig – traurig« als Zugabe
spielte. Auf dem Hammerflügel, wie sich das Publikum per Abstimmung
gewünscht hatte.
Michael Schäfer, Göttinger Tageblatt
Göttingen, 23.3.2003
Im Walzer gewirbelt
Hoch
ging's her, als am sonnigen Sonntagvormittag Gerrit Zitterbart im
Kinderkonzert Musik von »Robert und Peter«, also Schumann und
Tschaikowsky vorstellte. Da gab es feurige Ritte auf einem
Steckenpferd, sausende Schlittenfahrten durch winterliche Landschaften,
ja sogar einen echten Walzer, bei dem Zitterbart die kleine Leonie aus
der ersten Reihe im Kreise wirbelte.
An Tschaikowskys Kinderstücken
und etlichen Stücken aus Schumanns »Album für die Jugend« machte
Zitterbart einen unterhaltsamen Ausflug in die Welt der Töne, erzählte
dabei auch etwas von Rhythmus, Melodie, Harmonie und Form, ohne
aufdringlich zu belehren, gab Erläuterungen, stellte Fragen und
erzählte Geschichten. Dabei entwarf er lebendige musikalische Bilder.
Sein Publikum im Deutschen Theater unterhielt er blendend - und
kultiviert.
Michael Schäfer, Göttinger Tageblatt
Hannover, 15.12.2002: Von Terzen und Tönen – Kinderkonzert in der Musikhochschule Hannover
Bach
für Siebenjährige? Mozart für Vorschüler? Warum nicht, schließlich hat
Wolfgang Amadeus bereits mit fünf Jahren recht erfolgreich komponiert.
Der hannoversche Pianist Gerrit Zitterbart hat jetzt in der
Musikhochschule seinen zahlreichen kleinen Zuhörern eindrucksvoll
demonstriert, dass noch viel mehr geht. In seiner Musik, die
Geschichten erzählt, dem ersten Kinderkonzert an der Hochschule, kommt
Debussys kleiner Schäfer genauso zum Zuge wie das phantastische Duett
zweier Bäume vor dem Fenster von Paul Hindemith oder ein Chopin-Walzer
in a-Moll.
Zitterbart versteht es dabei bestens, seinen Flügel und
die Noten im Sinne der Kinder einzusetzen. Ganz nebenbei lernen die
Zuhörer etwas über Terzen und Töne, dass Dur und Moll lustig und
traurig oder hell und dunkel klingen und man am Schluss lieber nicht zu
lange applaudieren sollte. »Dann hört der Pianist vielleicht gar nicht
mehr auf.«
Die Reise in die Welt der Kompositionen hat Zitterbart mit Riesendias
untermalt – von den Köpfen der Meister, schließlich lieben Kinder
Bildergeschichten. Und wenn sich Zitterbart am Ende bei Beethovens
»Wuth über den verlornen Groschen« austobt, ist es fast
mucksmäuschenstill im Theatersaal. Das haben die Kinder schließlich
gleich zu Anfang gelernt, nämlich dass »die Musik davonläuft wie ein
scheues Tier im Wald, wenn es zu laut wird.« Eine gelungene Premiere,
bei der auch die Erwachsenen etwas lernen können: Schließlich haben
etliche musikalische Meister vor allem Stücke für ihre Kinder
komponiert.
Susanna Bauch, Hannoversche Allgemeine Zeitung
Coburg, 11.12.2002: Pianistische Initialen
»Und
er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden
Wache hielten«, schrieb Robert Schumann über den 20-jährigen Johannes
Brahms. Werke des Gönners und des Jüngers hatte der Klavierprofessor
aus Hannover, Gerrit Zitterbart, bei seinem Klavierabend beim Coburger
»Verein« im Foyer der HUK auf das Programm gesetzt, das dadurch eine
große Geschlossenheit erfuhr. Das Klavier wurde bei Schumann nach einer
Epoche des sinnlichen Klangreizes und brillanter Fertigkeit wieder zum
Werkzeug des monologisierenden Tondichters.
In den beiden zum
Vortrag gelangten Frühwerken feierte das alte Spiel mit den
»musikalischen Buchstaben« fröhliche Urständ. Von dem Spätklassiker und
Nachfolger Beethovens, Brahms, erklangen Spätwerke, in denen der
Komponist noch einmal einen neuen Stil seiner Klaviermusik kreierte. An
Stelle der pianistischen Initialen traten nun tiefe Einblicke in den
Seelen- und Gemütszustand des Komponisten, nachdem die letale Krankheit
bei ihm diagnostiziert worden war.
Mit seinem Opus 1, den Abegg-Variationen,
schuf Schumann – wie es seiner Zeit entsprach – ein »Albumblatt«, das
noch bei Hummel wurzelt. Das Thema und seine Sequenzen wurden von
Gerrit Zitterbart deutlich und variabel vorgestellt, während die
einzelnen Variationen in schöner Transparenz und Plastizität
charaktervoll ausmusiziert waren, wobei bei stupender Technik eine
Mischung aus brillantem Laufwerk und romantischem Ausdruck erzielt
wurde.
Schumanns Carnaval ist sein
pianistisch glänzendster Tanzzyklus, so dass er nicht von ungefähr zu
einem der beliebtesten Konzertstücke avancierte. Nachdem der Gast aus
Hannover des Préambule kraftvoll-hymnisch vorgestellt hatte, ließ er
die Figuren der Commedia dell’Arte vergnüglich tanzen, charakterisierte
die Davidsbündler Eusebius und Florestan und die Komponistenkollegen
Chopin und Paganini, kostete bei allem turbulenten Faschingstreiben
besonders die lyrischen Passagen voll aus, ließ die Walzer gefühl- bis
schwungvoll erklingen, um den Zyklus martial mit dem »Marsch der
Davidsbündler« zu beschließen, der zu einer atemberaubenden
synkopierten Stretta geführt wurde.
Seine drei Intermezzi op. 117
bezeichnete Brahms einmal als »Wiegenlieder meiner Schmerzen«. Ganz im
Zeichen dieses Zitates bewegte sich die Wiedergabe durch Gerrit
Zitterbart. Introvertiert und melancholisch vernahm man das Es-Dur-,
melodiebetont und expressiv das b-Moll- und düster empfunden und
spannungsvoll das cis-Moll-Intermezzo. Attacca ließ der Meisterpianist
die sieben Fantasien op. 116 folgen, wobei die drei Capriccien
energiegeladen, schroff und leidenschaftlich ausgedeutet waren, während
die vier Intermezzi zwischen schmerzvoller Kantabilität und Düsternis
wandelten. Dabei wurden alle Sätze musikalisch tief schürfend angelegt.
Eine besonders transzendente Wirkung erzielte der Künstler mit der
Interpretation des E-Dur-Adagios, indem er es ganz in die Nähe der
»Feldeinsamkeit« rückte.
Mit einem langsamen Sonatensatz als Zugabe »outete« Zitterbart Mozart
als einen Vorläufer für die Brahmsschen Spätwerke. Durch seine
informative geschliffene Moderation erweiterte Gerrit Zitterbart den
Klavierabend zu einem -recital . Aber auch der Steinway der HUK hatte
einen großen Anteil an einer tief beeindruckende Veranstaltung des
»Vereins«.
Hans Höfer, Coburger Tageblatt
Heidelberg 2.4.2000: Beethoven, Klavierkonzert Nr. 1 C-Dur op.15
…
Beethovens C-Dur-Klavierkonzert op.15, als Nr.1 bei Anlaß jener Wiener
Akademie vorgestellt und später auch so gedruckt, ist in Wahrheit das
zweite: das B-Dur-Konzert entstand schon vor diesem, und um 1800
arbeitete der Komponist bereits an seinem dritten Solokonzert. Gerrit
Zitterbart war der Solist der jetzigen Aufführung, und wieder einmal
erstaunte seine pianistische Omnipotenz genauso wie die absolute
Stilsicherheit seiner Interpretation. Lockere Eleganz im Überblick und
die gekonnte Einbindung diffiziler Einzelheiten ins Werkganze
verschmelzen bei ihm in nahezu idealer Weise, auch, wenn der etwas
belanglos wirkende Largo-Satz bei gleichem Tempo durchaus etwas mehr
Verinnerlichung hätte vertragen können.
Bei der nach dem rasant
verlaufenden Finalsatz gewährten Zugabe war man allerdings an jenem
Punkt angelangt, an dem Beethoven seinerzeit zu »fantasieren« begann:
Zitterbart zog sich virtuos aus der Affäre mit einer Originalkadenz des
Komponisten zum Kopfsatz des gehörten Konzerts, die dieser notiert,
aber abgebrochen hatte. Zitterbart führte sie zu einem furiosen Ende.
Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
Hinzerzarten 2.6.2000: Mozart, Klavierkonzerte KV 246, KV 271
…
Schließlich ist Gerrit Zitterbart ein Pianist, der nicht nur sehr
pointiert, sondern außerdem noch ideenreich und mit viel
gestalterischem Witz zu spielen versteht. Und der noch zusätzlich über
die Gabe der klangfarblichen Mimikry am Klavier verfügt: der also etwa
seinen Anschlag der Tonproduktion bei Streicher-Pizzicati annähert, der
sich ins Orchestertutti einschleichen kann wie auf samtenen Tatzen.
In Belangen der gestalterischen Detailarbeit sind Orchester und Solist
oft fantastisch aufeinander eingespielt. Davon profitierte Mozarts
»Jeunehomme«-Konzert (KV 271) ebenso wie das deutlich konventionellere
Konzert KV 246, das Mozart auf die dilettantischen Tastenkünste Antonia
Lützows, einer Nichte des Salzburger Erzbischofs Colloredo, zuschnitt
(eine Tatsache, die Zitterbart auf virtuose Weise kaschierte).
Susanne Benda, Badische Zeitung
Frankfurt 4.6.2000: Mozart, Klavierkonzerte KV 238, KV 246, KV 271
…
Das Resultat: ein leichtes und elegantes Spiel voller Frische. Ohne
übertriebene Interpretations-Gags zu bemühen, gaben die
Orchestermusiker und der Pianist dem B-Dur-Konzert ihr eigenes Gepräge.
Schroff abgeteilte Phrasen in der Orchester-Exposition des Allegro
aperto, durch Dämpfer auf den Streichern zusätzlich reduzierter Klang
im Andante un poco adagio und die turbulenten, stets flüssigen
Piano-Passagen im Rondo: Das innige Zusammenspiel von Orchester und
Pianist spiegelte wider, wie Mozart sich im engen Rahmen der höfischen
Musik eigene expressive Wege suchte.
Volker Schmidt, Frankfurter Rundschau
Heidelberg, 24.2.1999: Mozart, Klavierkonzert KV 37
Das
erste Klavierkonzert (1767, KV 37) klingt demgegenüber »gereifter« –
was auch kein Wunder ist: Mozart borgte sich ein paar Sätze von
Klaviersonaten aus, die Zeitgenossen komponiert hatten, instrumentierte
und korrigierte sie teilweise – und nicht ungeschickt … Der Pianist
Gerrit Zitterbart und die Sinfoniker beleuchteten diese frühe Arbeit
als selten gespieltes Kleinod der Klavierliteratur in vielfach
wechselnden Farben. Zitterbarts manuelle Geläufigkeit und
differenzierende Formulierungskunst waren, wie die gute Disposition des
Orchesters, hierzu die besten Voraussetzungen. Dabei veredelte man die
drei Sätze durch reiche seelische Empfindung und intelligenteste
musikalische Gestaltung. Zitterbart ist ein Mozart-Interpret, bei dem
sich gedankliche Tiefe und spielerische Leichtigkeit ungewöhnlich
harmonisch und natürlich miteinander verbinden.
Matthias Roth, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg
Heidelberg, 30.3.1999: Haydn, Klavierkonzert D-Dur
Allerhöchstes
Haydn-Vergnügen… Der zweite Teil des Abends servierte mit dem
sogenannten »Zigeunertrio« G-Dur Hob.XV:25 und dem ebenfalls vertraut
folkloristisch gewürzten D-Dur-Klavierkonzert Hob.XVIII:11 die zwei
pianistischen Haydn-Hits schlechthin. Kaum allerdings dürfte man diese
beiden Publikumslieblinge par excellence je so funkensprühend und
temperamentssatt, so beherzt und innig animiert, so betörend charmant
und detailverliebt, so musikantisch-spontan und dennoch hinreißend
espriterfüllt, in ihren formalen Proportionen wie in ihrem klanglichen
Kolorit so instinktsicher gewichtet und nuanciert gehört haben wie
hier. Beim ungarisch-rassig beschlossenen D-Dur-Konzert sorgten die
Sinfoniker für nachgerade phänomenal quick und agil pulsierende
Partnerschaft. Das verdiente die enthusiastischsten Ovationen des
Abends.
Klaus Roß, Rhein-Neckar-Zeitung Heidelberg