Chopin Récital

»Die Imagination eines Konzertes von Chopin« – eine Reise durch sein Repertoire. Zitterbart schlägt einen Bogen von den frühen Bravourstücken über die ausschweifenden Fantasien bis zu den populären Walzern. Drei Mazurken zum Schluß, immer kleiner, immer dichter werden die Kreise, um schließlich in Chopins letztem Werk diszipliniert zu verlöschen. Eine zeitgemäße Interpretation, transparent, seelenruhig, logisch-stimmig. Chopin strebte Bach und Mozart nach – und nicht Tschaikowsky.
Amadeo November 1998

 Der Pianist Gerrit Zitterbart ist mehrfach auch solistisch auf Schallplatten zu hören gewesen: mit Mozart, Beethoven und mit einer interessanten Zusammenstellung von Musik unseres Jahrhunderts, die Sie vor einiger Zeit im Schallplattenkonzert kennenlernen konnten. Nun hat er ein »Chopin-Récital« aufgenommen. Der Titel hat seinen Sinn: der Pianist versucht, ein Programm zu rekonstruieren, wie es der späte Chopin liebte. Er beginnt effektvoll brillant mit dem frühen Andante spianato samt Grande Polonaise. Über das Fantaisie-Impromptu cis-Moll und die pianistisch höchst anspruchsvolle f-Moll-Fantasie erreicht er in der Polonaise-Fantaisie As-Dur aus dem Jahre 1845 den Höhepunkt seines Recitals. Darauf läßt er noch je drei Walzer und Mazurken folgen, die zunehmend sich zurückziehen aufs Persönliche, auf Erinnerungen wohl auch an die Jugend in Warschau und die schließlich mit der letzten Mazurka in Melancholie versinken.
Ich möchte Sie, meine verehrten Hörerinnen und Hörer, gleich zum Höhepunkt dieses Programms führen, zu der Polonaise-Fantaisie op.61, die alle Facetten von Chopins Kunst und alle Möglichkeiten des Pianisten zu zeigen vermag. (Hörbeispiel) Diese Fantaisie-Polonaise Frédéric Chopins, wie aus nachdenklicher, sich vorantastender Improvisation entstehend, im Trio zum Nachtstück sich verdunkelnd, ist frei von allem donnernden Polonaisen-Wesen. Und Gerrit Zitterbart gibt noch dem dichten Klang Farbe, verleiht, fein differenzierend, nicht nur führenden Linien, sondern auch der Begleitung Leben, zeigt ebensoviel Brillanz wie Nachdenklichkeit. Angesichts der Unzahl berühmter Vorbilder mochte sein anspruchsvolles Chopin-Programm als Wagnis erschienen. Aber trotz einiger eckiger Momente, harter Akzentuierung, weitgehendem Verzicht auf poetisierende Weichzeichnung scheint sein Chopin-Spiel daraus, daß er kein Chopin-Spezialist ist, eher Nutzen zu ziehen.
Hessischer Rundfunk Das Schallplattenkonzert November 1994